Aus „Freudenberg IT (FIT)“ wird „FIT a Syntax Company“ – eine erste Einordnung der Übernahme

Der traditionsreiche deutsche Mischkonzern Freudenberg hat sich Anfang 2019 von seiner IT-Services-Sparte getrennt. Wie es nun mit FIT weitergeht, und was die Akquisition durch die kanadische Syntax für die Kunden von FIT bedeutet, erfuhr teknowlogy auf ihrem diesjährigen Customer Innovation Day in Frankfurt.

Passend zum FIT-Motto „IT Solutions Simplified“ war das Motto des Customer Innovation Day „Simply Transform“, was zwar in erster Linie die im Fokus des Tages stehenden Themen – digitale Transformation, KI, IoT und das Managen von Innovationen – betonen sollte, aber natürlich auch zu den kommenden Monaten der FIT passen dürfte.

Zunächst einmal – was bedeutet die Übernahme nicht?

  • In den letzten Jahren wurden einige deutsche SAP-Dienstleister, die ähnlich wie FIT auf den Mittelstand spezialisiert sind, durch globale IT-Services-Konzerne übernommen, wie etwa TDS durch Fujitsu oder GISA und itelligence durch NTT Data. Im Falle der FIT aber übernimmt der kleinere, bislang nur in Nordamerika präsente Partner mit Hilfe des Investors Novacap den größeren und internationaleren Partner. Die Transaktion ähnelt also bzgl. der zukünftigen Positionierung eher einem Merger als einer Übernahme.
  • Ebenso wurden in den letzten 20 Jahren zahlreiche der für Deutschland so typischen „IT-GmbHs“, also interne IT-Ausgründungen großer Konzerne, im Zuge von Outsourcing-Verträgen von globalen IT-Services-Konzernen übernommen. Auch dies ist hier nicht der Fall, da zwar viele Unternehmen der Freudenberg-Gruppe Kunden der FIT sind, sie aber schon immer den weitaus größten Teil ihres Umsatzes außerhalb des Mutterkonzerns erwirtschaftete.

​​In Europa ist Syntax wenig bekannt – wer ist das?

Die aus Montreal stammende Syntax startete bereits in den frühen 1970er Jahren, zunächst mit einem eigenen ERP-System, setzte später aber komplett auf Dienstleistungen rund um JD Edwards – und nach deren Übernahme auf Oracle Applications. Die Dienstleistungen umfassen Consulting, Implementierung, Management und Hosting, v.a. für Kunden im nordamerikanischen Markt.

Auf den ersten Blick scheint die Positionierung der beiden Unternehmen also denkbar unterschiedlich

  • Syntax kommt aus einer JD Edwards/Oracle-geprägten Welt – FIT ist ein SAP-Komplettdienstleister.
  • Syntax‘ Kerngeschäft umfasst v.a. anwendungsbezogene Services – FIT hat darüber hinaus weitere Standbeine, wie etwa Workspace- oder IoT-bezogene Leistungen.
  • Syntax hat einen geografischen Fokus auf Nordamerika und Delivery-Ressourcen in Indien – FIT konzentriert sich auf Europa, insbesondere auf die DACH-Region, und auf die USA; des Weiteren ist FIT auch in China präsent und unterhält Delivery-Ressourcen in Mexiko und der Slowakei.
  • Syntax‘ Klientel ist weitgehend branchenübergreifend – FIT managt zwar ebenso die IT von Unternehmen unterschiedlichster Branchen, fokussiert sich im Consulting aber eindeutig auf die Automobil- und Fertigungsindustrie.
  • Bzgl. Public-Cloud-Plattformen ist Syntax AWS-Partner – FIT unterhält eine enge Partnerschaft mit Microsoft.

Es gibt aber auch Gemeinsamkeiten

  • Beide Unternehmen adressieren v.a. den Mittelstand.
  • Das Selbstverständnis beider Unternehmen ist es, sich durch Kundenzentriertheit, persönlichen Kontakt auf Augenhöhe und Flexibilität in der Zusammenarbeit zu differenzieren.
  • Kerngeschäft sind in beiden Fällen Komplettservices für geschäftskritische Applikationen.
  • Beide Unternehmen haben eine Historie im Private Cloud Hosting mit eigenen Rechenzentren – und sehen diese auch in Zukunft als essenziell an.
  • Gleichzeitig erweitern beide ihre Angebote um Public-Cloud-Plattformen, um den Kunden Wahlfreiheit zu geben und außerdem hybride Architekturen zu realisieren.

Der Match

Die neue Positionierung, soweit nach so kurzer Zeit schon ersichtlich, lautet: Komplettdienstleister mit internationaler Präsenz für Multi-ERP- und Multi-Cloud-Umgebungen.

Kunden, die verschiedene ERP-Systeme im Einsatz haben, etwa aufgrund einer M&A-Historie, können nun entsprechend in mehreren Welten, bzw. bei deren Konsolidierung, unterstützt werden.

Stand heute soll keiner der bestehenden Geschäftsbereiche wegfallen. Vielmehr soll Kunden durch die Ergänzung der jeweiligen Kompetenzen eine größere Wahlmöglichkeit geboten werden. Sie sollen auf dem Weg in eine Multi- und Hybrid-Cloud-Architektur begleitet werden. Die ebenfalls durch Syntax erfolgte Übernahme der aus Atlanta stammenden EmeraldCube Solutions brachte neben AWS-Kompetenzen auch eigene IP in die Gruppe ein – die „Business Application Deployment and Management Platform“ soll die Grundlage der Automatisierung des Anwendungsbetriebs in Public und Hybrid Clouds bilden.

Außerdem werden sowohl geografische Reichweite als auch Delivery-Kapazitäten erweitert. Neben der kombinierten Lieferfähigkeit in den Kernmärkten Europa, Nordamerika und China können beide Parteien nun auf bestehende Ressourcen in den Niederlassungen in Indien, Mexiko und der Slowakei zurückgreifen.

Fazit?

Für ein abschließendes Fazit ist es sicher noch zu früh, schließlich sind noch nicht einmal die berühmten ersten hundert Tage seit der Übernahme vergangen.

Aufgrund der Komplementarität beider Parteien und der erklärten Strategie, keine Portfolioelemente zu streichen, sondern das jeweilige Kerngeschäft um die Kompetenzen des anderen zu erweitern, sollte sich die üblicherweise mit einer Übernahme einhergehende „Unruhe“ – innerhalb des Unternehmens sowie aufseiten der Kunden – jedoch in Grenzen halten.

Es lässt vieles darauf schließen, dass bestehende Kunden auf regionaler Ebene erst einmal wenig von den Veränderungen spüren werden – sofern sie nicht von den erweiterten Möglichkeiten der neuen „FIT a Syntax Company“, bzw. zukünftig der neuen Syntax, Gebrauch machen möchten.

Dementsprechend wurde die Übernahme auf dem Customer Innovation Day auch nur am Rande thematisiert; dieser stand ganz im Zeichen aktueller Business- und zukünftiger Innovations-Themen der Kunden.