Der IT-Markt im Zeichen von Corona: Die Branchen trifft es unterschiedlich

In unserem gestrigen Blogbeitrag haben wir beschrieben, wie sich aus unserer Sicht die Corona-Krise auf die verschiedenen IT-Segmente auswirkt. Heute teilen wir unsere Einschätzung dazu, wie sich aktuell die Situation in den einzelnen Branchen darstellt.

In einigen Branchen wie z.B. Versorgungsunternehmen oder Telekommunikationsanbieter laufen die Geschäfte weitgehend (soweit man das derzeit überhaupt sagen kann) normal weiter, die kurzfristigen Auswirkungen der Corona-Krise auf die IT-Ausgaben sind überschaubar. Andere Branchen wiederum, wie z.B. Industrie und Handel, werden kurzfristig – größtenteils – ihre IT-Ausgaben massiv kürzen oder repriorisieren.

In der Industrie sind die Auswirkungen der Corona-Krise am stärksten. Die großen Automobilhersteller wie VW, Daimler oder BMW haben ihre Werke geschlossen, und auch deren Zulieferer, wie z.B. Mahle, ziehen nach. Auch der Maschinen- und Anlagenbau spürt Verzögerungen in der Lieferkette und kann dadurch beispielsweise Maschinen nicht im gewohnten Maße ausliefern. Selbst dort, wo die Fertigung ohne große Einbußen weiterläuft, können Maschinen nicht ins Ausland geliefert werden, weil Einreisebeschränkungen in viele Länder bestehen und Servicetechniker und Anlageningenieure zur Inbetriebnahme von Maschinen und Anlagen vor Ort fehlen.

In einem solch außergewöhnlichen Umfeld ist die Durchführung von IT-Projekten sehr schwierig. Wir gehen davon aus, dass viele Vorhaben ausgesetzt werden. Und selbst wenn sich die Lage wieder normalisiert, erwarten wir eine Repriorisierung der IT-Projekte: Der ohnehin erkennbare Trend in Richtung Automatisierung wird sich ebenso verstärken wie die Nachfrage nach Lösungen zur Fernüberwachung von Maschinen und Anlagen sowie Remote Services. Waren Maschinenbetreiber bislang zurückhaltend, den OEMs ihrer Anlagen Fernzugriffsrechte zu gewähren (etwa für die Überwachung der Maschinen), werden sie künftig wohl offener für diese Lösungen sein. Dort wo Fertigungsunternehmen Schwierigkeiten hatten mit Unterbrechungen in der Supply Chain werden wohl verstärkt IT-Projekte priorisiert werden, die darauf abzielen, die Supply Chain transparenter zu machen und Risiken früher zu erkennen, um darauf schneller reagieren zu können (z.B. durch den Einsatz von AI-Lösungen).

Für den Handel führen die Anordnungen einzelner Länderregierungen (wie z.B. in Bayern) dazu, dass nur noch Geschäfte offen haben dürfen, die lebensnotwendige Artikel verkaufen, wie z.B. Lebensmittelmärkte oder Apotheken. Dies wird zu erheblichen Umsatzeinbußen der betroffenen Händler führen. Es ist vor allem bei kleineren, aber auch mittleren Handelsbetrieben mit Insolvenzen oder Schließungen zu rechnen, was den adressierbaren IT-Markt in verschiedenen Bereichen reduziert. Die Schließung vieler Läden wird auch zu einem veränderten Einkaufsverhalten in Richtung online führen, was wiederum mittel- bis langfristig weg von traditionellen Läden und hin zu E-Commerce führen wird. Entsprechend werden sich auch die IT-Ausgaben zum E-Commerce verlagern. Die aktuell zu beobachtenden Maßnahmen im Einzelhandel, um die Mitarbeiter vor einer Ansteckung mit dem Virus zu schützen, werden ein Trigger dafür sein, dass der Handel zunehmend in Self-Checkout-Lösungen investieren wird. Auch AI-Lösungen, die dem Handel dabei helfen, seine Distributionslogistik zu optimieren, werden interessant, wenn es darum geht, die Ware noch besser innerhalb des Händlernetzes zu verteilen.

Auch die Transportbranche ist signifikant von den Auswirkungen der Corona-Krise betroffen. Besorgniserregend ist beispielsweise die Lage der Lufthansa, die kurzfristig 95 Prozent ihrer Flüge eingestellt hat. Das wird zu erheblichen Umsatzeinbußen und damit zu massiven Kosteneinsparungen führen, darunter natürlich auch Ausgaben für IT-Projekte. Im Gütertransport sieht es unterschiedlich aus. Für Paketdienstleister wie DHL ist die Situation dank der Zunahme an Bestellungen im Online-Handel zunächst einmal positiv. Dies kann aber nicht den Einbruch im Markt für den industriellen Gütertransport (auf Schiene, Straße und per Schiff) kompensieren. Der Bedarf an Transportdienstleistungen geht erheblich zurück. Das liegt zum einen an den Produktionsausfällen in der Fertigung, zum anderen an den unterbrochenen Lieferketten, unter anderem durch Grenzschließungen. Im ÖPNV werden die Taktzahlen der Verkehrsmittel aufgrund geringerer Passagierzahlen reduziert oder der Betrieb ganz eingestellt (z.B. Flixbus). Entsprechende Umsatzeinbußen wird es vor allem in der privatwirtschaftlichen Transportbranche geben, was in vielen Fällen auch zu einer signifikanten Anpassung der Kosten, inkl. IT-Kosten, führen wird.

Die Banken stehen vor der nächsten großen Belastungsprobe ihrer Geschäftsmodelle. Insolvenzen ziehen Kreditausfälle nach sich, die Zinsen wurden erneut gesenkt, und im Investment-Banking gibt es derzeit nur eine Richtung: steil nach unten. Immerhin haben die Aufsichtsbehörden die Auflagen gelockert, etwa die Anforderungen an den Kapital- und Liquiditätspuffer, sodass die Banken die finanziellen Lasten ein wenig abfangen können. Außerdem sollen Fristen bei unkritischen Meldeprozessen verlängert werden, und für 2020 geplante Stresstests werden in das Jahr 2021 verlegt.

Dennoch: Die deutschen Banken waren schon vor der Krise in einer schwierigen Lage, in der sie einerseits Kosten (zum Beispiel bei der veralteten Infrastruktur) sparen mussten und andererseits in die Digitalisierung investieren mussten. Der Sparkurs wird sich verschärfen, der Trend zur Digitalisierung aber auch. In der Krise zeigt sich nämlich deutlich, dass manuelle Prozesse langsamer oder gar nicht abgewickelt werden, digitale und automatisierte Prozesse aber ungestört weiterlaufen können. Dies wird dem Trend in Richtung Prozessautomatisierung weiteren Auftrieb geben und entsprechende IT-Investitionen begünstigen. Wir gehen auch davon aus, dass Banken sich der Cloud weiter öffnen werden, um von Kosteneinsparungen und Skalierbarkeit zu profitieren. Unterm Strich werden die Budgets aber wohl schrumpfen, weil Einsparungen in Legacy-Umgebungen im großen Stil vorangetrieben werden.

Die Auswirkungen auf die Versicherungen werden nicht so gravierend sein. Zwar wird eine große Zahl von Firmenpleiten und Betriebsschließungen oder auch die Inanspruchnahme von Reiserücktritts- oder Reiseausfallversicherungen die Versicherungen und deren Rückversicherer belasten. Unklar ist aber noch, inwiefern und in welchem Umfang Versicherungen tatsächlich einspringen müssen, da eine Pandemie oft vom Versicherungsschutz ausgenommen ist. Nichtsdestotrotz legt die Krise auch in der Versicherungsbranche Schwächen offen. Der Agenturvertrieb ist nahezu zum Erliegen gekommen, und die interne manuelle Prozessbearbeitung zeigt die Anfälligkeit der Geschäftsprozesse. Dort wo Mitarbeiter nicht wie gewohnt Schadensmeldungen oder ähnliches bearbeiten können, bleiben Aufgaben einfach liegen. Wie bei den Banken könnte sich auch in der Versicherungsbranche der Effekt einstellen, dass langfristig vermehrt in digitale Innovationen und Automatisierung investiert wird.

Bei den Energieversorgern sehen wir mittel- bis langfristig eher keine großen Auswirkungen. Projekte wie z.B. die Stabilisierung der Netze werden weitergehen. Kurzfristig werden sie nur eventuell IT-Ausgaben bremsen oder IT-Projekte verschieben.

Im Dienstleistungssektor werden wir definitiv sehen, dass vor allem kleinere Unternehmen und Unternehmen der Tourismusindustrie (z.B. Hotels) und des Gaststättengewerbes (z.B. Restaurants) schließen werden, die während der Krise ihren Betrieb einstellen mussten oder drastisch reduzierte Besucherzahlen verzeichnen mussten. Darüber hinaus sind beispielsweise auch IT-Dienstleister sowie Unternehmensberater von einer mangelnden Auslastung bedroht, was zu Umsatzeinbußen führen wird und im schlimmsten Fall zu Stellenabbau. Diese Faktoren werden dazu führen, dass zum einen der adressierbare IT-Markt in diesem Segment kleiner wird und zum anderen Kosten (inkl. IT-Ausgaben) erst einmal drastisch reduziert werden. Einzig die Medienbranche (z.B. Streamingdienste, Gaming-Anbieter) wird kurzfristig aufgrund der stark gestiegenen Nachfrage nach Informationen und Unterhaltung von der Situation profitieren. Davon profitieren auch die Hyperscaler, die damit mehr Kapazitäten zur Verfügung stellen können, wenn überhaupt möglich.

Für die Telekommunikationsbranche sehen wir keine Auswirkungen auf die IT-Ausgaben. Es gelten dieselben Trends, die es vorher auch schon gab (z.B. Implementierung von Bots). Positiv könnte jedoch sein, dass diese sich über zusätzlichen Traffic (z.B. Streamingdienste) freuen können, wobei viele Konsumenten ja eine Flatrate haben. Vielleicht gibt es ein paar Verzögerungen beim Start von IT-Projekten, aber wenn, dann nicht signifikant.

Im öffentlichen Sektor wird die Corona-Krise mittelfristig die Implementierung von digitalen Lösungen beschleunigen, um mehr Bürger-Services online anbieten zu können und damit den Kontakt vor Ort zwischen Bürgern und Behörden zu reduzieren. Zudem deckt die aktuelle Krise auch Lücken in der digitalen Zusammenarbeit und in der Übermittlung von digitalen Informationen und Daten auf. Allerdings bleibt abzuwarten, wie sich die IT-Budgets der öffentlichen Hand entwickeln werden, wenn der Staat angeschlagene Unternehmen mit finanziellen Hilfen unterstützt.

Morgen veröffentlichen wir unser vorläufiges Fazit zur Entwicklung auf dem Markt für Software und IT-Services in Deutschland.